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Helene Hanff
84, Charing Cross Road – Eine Freundschaft in Briefen

 

Podcast Nr. 11, April 2014

 

84, Charing Cross Road – Eine Freundschaft in Briefen

Folge 11

Gelesen von Rose Vischer und Jannek Petri, sowie Esther Becker, Tjadke Biallowons, Manuel Bürgin, Ute Hammann, Silvia Jost, Dominique Lüdi, Barbara Maey, Isabel Schaerer, Claudia Schätzle und Franz Szekeres.

 

Dauer: 18 min 45 sec

 

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Mit freundlicher Genehmigung von
Copyright © Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.
Alle Rechte vorbehalten.


 

UPDATE 11

Wir schreiben das Jahr 1958 und alles geht seinen geregelten Gang: Autorin Helene Hanff ringt in New York um ihre Existenz, das Buchantiquariat Marks&Co. tut das Seinige, um die erste drohende Wirtschaftskrise abzuwenden und die Welt schreibt Geschichten und Geschichtchen. Neu gibt es jetzt sogenannte Benelux-Staaten, das Europäische Parlament, das deutsche Gleichstellungsgesetz, wonach Frauen nun auch ohne Einverständnis ihres Ehegatten beruflich tätig sein dürfen, und schöne neue Gesetze für eine schöne neue Welt. Nicht ganz originell, doch in Anlehnung an ein grosses Vorbild, verkündet Walter Ulbricht seinen DDR-Insassen „Die zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“, während auf der Südhalbkugel Apartheidgesetze erlassen werden, um die schwarze Bevölkerung legaler unterdrücken zu können. Kleinere Störungen im Weltalltag können ab sofort dank regulärer eidgenössischer Fernsehausstrahlung zeitnah verfolgt werden: sei es die dumme Sache mit dem Notabwurf einer Wasserstoffbombe vor der Küste Georgias, die Scheidung des persischen Schahs von seiner umwerfenden jedoch kinderlosen Frau Soraya oder Elvis Presleys Militärausbildung in Deutschland – alles kann täglich in den schönen Farben Schwarz, Weiss und einer Vielfalt von Grautönen begutachtet werden. Und während sich Russland und die USA mit Satelliten ein kosmisches Duell um das benachbarte Weltall liefern, zwinkert Helene Hanff 1959 nach vielen Jahren der Entbehrungen ihr Schicksalsstern zu: „Ich habe es gekriegt! Ich hab ein CBS-Stipendium über 5.000 Dollar bekommen, das für ein Jahr reichen wird, in dem ich Teile der amerikanischen Geschichte dramatisieren werde.“ Wir gratulieren! Fünftausend Dollar wären heute immerhin rund 95’000 Schweizer Franken, womit Ms. Hanff sogar ein Jahr in Helvetien ganz gut überleben könnte. Während sich die Autorin also in New York an die Arbeit macht, tut dies Fidel Castro nach gelungener Revolution in Kuba. Helene Hanff lässt in die Alte Welt verlauten, sie werde mit einem Drehbuch über die sieben Jahre anfangen, als New York von den Briten besetzt war und stellt kurzerhand die gesamte Belegschaft des Londoner Antiquariats an den Pranger: „...und ich frage mich, wie ich darüber hinwegsehen und Ihnen weiterhin auf freundliche und verzeihende Weise begegnen soll, denn Ihr Verhalten in Amerika von 1776 bis 1783 war einfach EKELHAFT.“ Die Belegschaft lässt daraufhin lakonisch aussrichten, sie sei hinsichtlich Themenwahl sehr tolerant und im Übrigen sei es der jungen britischen Generation neu, dass die Vereinigten Staaten jemals in englischem Besitz waren. Sic transit gloria mundi... Hören Sie nun, warum Autorin Hanff den grossen Autor William Blake für ein Weichei hält und wo der Weltfrieden stattfindet.

GELD&GEIST

Hier ein gutes Beispiel dafür, dass auch Schüler prominenter Lehrer durchaus etwas zustande bringen können: Nachdem Sokrates aufgrund seiner enervierenden Fragerei der Schierlingsbecher gereicht wurde, machte sich sein Azubi Platon eifrig daran, die Lehre seines verblichenen Meisters in Dialogform wiederzugeben, was er umso ungestörter tun konnte, da niemand mehr widersprach. Platon machte sich mit seinen literarischen Dialogen unsterblich und Historiker streiten noch heute darüber, welche der Platonischen Dialoge nun eigentlich echt seien und welche gut erfunden. Lesen Sie einfach alle, damit Sie im nächsten Quizduell angeben oder beim Kaffeeplausch eine Debatte über literarische Einzelaspekte des Symposion im Allgemeinen und die rhetorischen Kniffe in Diotimas Rede im Besonderen vom Zaun brechen können.

 

Helene Hanffs Weiterbidlungskosten Stand 9.11.1963
22.25 USD
= 96.00 CHF im Jahr 1963
= 423.80 CHF im Jahr 2014 (unter Berücksichtigung der Teuerung)

 

HELENE HANFF, JÄGERIN DES VERLORENEN SCHATZES

Die junge Helene Hanff war hungrig. Sie hatte sowohl vom amerikanischen Wohlstand wenig abbekommen als auch vom amerikanischen Bildungssystem. Mit einem Wort: Sie war arm und besass nur einen Hauptschulabschluss. Wenig genug für die angestrebte Karriere einer Schriftstellerin. Umso erstaunlicher und berührender ist ihre Liebe zur Literatur und die Willenstärke, Ausdauer und Hartnäckigkeit, mit der sie ihre schriftstellerischen Vorbilder über Jahre hinweg einen nach dem anderen in ihre klitzekleine Wohnung in New York einlud, adoptiert aus dem fernen Grossbritannien, behütet von zwei Buchdeckeln, beheimatet in ihren selbstgebastelten Regalen. Systematisch las sie die Essays des damaligen Literaturpapstes Arthur Quiller-Couch und machte sich nach Kriegsende auf die Suche nach den von ihm empfohlenen Werken. Der Briefwechsel 84. Charing Cross Road dokumentiert gleichermassen Erfolge als auch Niederlagen der anachronistischen Sehnsucht nach Unvergänglichkeit von Literatur. Helene Hanffs Kampf um vergriffene Werke, exklusive Ausgaben und meisterhaften Übersetzungen führt uns vor Augen, dass Literatur, einmal gedachte Gedanken, grosse Worte und gefundene Wahrheiten leider auch ein Verfallsdatum haben und letztlich nur so lange in unseren Köpfen existieren können, so lange wir sie materialisieren und in Umlauf halten in Form von vielen losen Blättern, die zusammengehalten werden von Leim, Fäden und Karton. Man nennt sie Bücher.

 

Der verfilmte Bestseller 84. Charing Cross Road ist eine Hommage an diese fragilen vergänglichen Wesen, die manchmal in der Verborgenheit von Antiquariaten die Wechselfälle des Lebens überdauern und darauf warten, eines Tages ans Licht gezogen und - gelesen zu werden.

 

Michela Gösken