Interview mit Péter Nádas
So etwas hatte Matthias von Bausznern, einer der Hörbuchsprecher der SBS, noch nicht erlebt. Péter Nádas’ Memoiren «Aufleuchtende Details» wehrten sich zunächst dagegen, von ihm gelesen zu werden. Die Lösung war, mit dem Autor in Kontakt zu treten. Ein spannendes Interview ist bei dieser Begegnung entstanden.
Bei jedem neuen Hörbuch, das in der SBS aufgenommen wird, steht zu Beginn ein sorgfältiges Auswahlverfahren: Welche Sprecherin oder welcher Sprecher liest das Buch? Für Péter Nádas’ Memoiren «Aufleuchtende Details» fiel die Wahl auf Matthias von Bausznern. Auf den ersten Schreck über den Umfang des Buches folgte schnell Begeisterung. Beeindruckt vom Schreibstil des Autors und der hervorragenden Übersetzung durch Christina Viragh, las sich von Bausznern in das Buch ein. Dabei blieb er besonders an Nádas’ Schlusssatz «Es tut mir leid.» hängen. Er war sich sicher, dass dieser Satz gelogen ist, fand es aber sehr faszinierend, dass jemand seine Memoiren nach 1700 Buchseiten mit diesem Satz beendet.
Das Buch wehrt sich
Nun begann für Matthias von Bausznern die Sprecharbeit in unserem Hörbuchstudio. Es galt, einige Hürden zu überwinden. Im Buch gibt es viele ungarische Ausdrücke und der Autor schreibt ohne Anführungs- und Schlusszeichen, weil die Aussagen der Protagonisten Erinnerungen sind. Zudem ist der Leser sehr gefordert; er muss mitdenken. Die Erzählperspektive wechselt stetig – von der Kindersicht zu der eines jungen Erwachsenen. Je tiefer von Bausznern beim Lesen in das Buch eintauchte, desto stärker befiel ihn das Gefühl, dass es auch um seine eigene Biografie geht, dass eine Verbindung zum Autor besteht, die er entdecken musste, um Zugang zum Text zu erhalten. Das Buch liess ihn nun nicht mehr los. Seine Gedanken kreisten um die bewegenden Inhalte, und er wusste nicht, wie er den Schreibstil gesprochen richtig wiedergeben sollte. Dies ging so weit, dass es ihm ein wenig unheimlich wurde, die Stimme von Péter Nádas zu sein, dessen Gedanken seine Stimme zu leihen. Wie sollte er tief genug in das Buch eintauchen, um es glaubhaft lesen zu können, ohne die nötige Distanz zu verlieren und zu emotional zu werden?
Ein Kontakt entsteht
Matthias von Bausznern wandte sich
deshalb an den Verlag, der ihm einen
Kontakt zu Péter Nádas vermittelte. Von
Bausznern hatte grosse Bedenken und
auch ein wenig Angst, mit dem Autor
zu sprechen. Was denkt ein so angesehener
Schriftsteller von mir? Störe ich
ihn? Bin ich ihm sogar lästig? Die
humorvolle Art von Péter Nádas liess
aber alle seine Bedenken bereits beim
ersten telefonischen Kontakt schnell verschwinden.
Die Gespräche waren sehr
hilfreich und ebneten den Weg, das Hörbuch
erfolgreich lesen zu können.
Der Autor und der Hörbuchsprecher
waren sich durch den telefonischen
Kontakt nähergekommen, langsam entstand
eine Freundschaft. Matthias von
Bausznern konnte Péter Nádas endgültig
für sich einnehmen, als ihm eine Stelle
auffiel, die offenbar unvollständig ins
Deutsche übersetzt worden war. Dies
beeindruckte Péter Nádas. Beide hatten
nun das Bedürfnis sich zu treffen. Im
Herbst 2018 kam es in Berlin dazu.
Das vollständige Interview können
Sie sich
hier
anhören.
Martin Orgler
Péter Nádas wurde 1942 in Budapest in eine jüdische, kommunistische Familie geboren. Seine Mutter starb 1955 an Krebs, sein Vater beging 1958 Selbstmord. Seither ist er als Fotograf und Fotoreporter tätig, seit 1985 auch als freier Schriftsteller. Er wurde mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet. Diesen Sommer zeigt das Kunsthaus Zug sein fotografisches Werk, das er dem Kunsthaus 2012 geschenkt hat.
Hören Sie das Interview mit Péter Nádas