Die SBS hat ein super Angebot – die Vielfalt der Bücher, die man ausleihen kann!
Interview
Ich möchte Lehrer für Brailleschrift werden.
Auf Adrian Berger (23) wurden wir durch einen Beitrag der SRF-Sendung Happy Day aufmerksam. Darin erzählte er von seiner Erkrankung und seinen Problemen mit den Augen, aber auch von seiner grossen Begeisterung für Irland und seinem Traum, dort einmal hinreisen, das Meer sehen und Dudelsack spielen zu können. Ich durfte ihn im verschneiten Kandertal besuchen, wo er mit seiner Familie lebt.
Ulle Bourceau: Wie sieht dein Alltag zurzeit aus?
Adrian Berger: Vor kurzem habe ich meine Stelle als Sesselflechter gekündigt. Ich konzentriere mich nun auf die Musik und übe viel, um schnell Fortschritte zu machen.
Welche Instrumente spielst du, und welches Instrument übst du gerade besonders?
Im Moment hauptsächlich die Akkordzither. Und nebenbei spiele ich – ein bisschen weniger engagiert – die Tin-Whistle-Flöte.
Was ist aus deinem Traum, den Dudelsack spielen zu können, geworden?
(Adrian lacht) Der folgt noch! Ein renommierter Dudelsacklehrer hat mir eine Tin-Whistle-Flöte geschenkt und mir geraten, diese zuerst zu lernen.
Beschreibe uns bitte deinen bisherigen beruflichen Werdegang!
Ich habe nach der Schulzeit eine Lehre als Montage-Elektriker gemacht, musste aber wegen meiner Sehbehinderung kurz vor der Lehrabschlussprüfung aufhören. Ich habe mich dann in Basel neun Monate lang umschulen lassen. Danach bin ich nach Bern gegangen und habe in einer Ses-selflechterei gearbeitet. Dort ging es nicht um eine Ausbildung, sondern darum, das Arbeiten zu lernen. Ich war dort fest angestellt.
Du konntest als Kind und Jugendlicher noch gut sehen. Wann hast du festgestellt, dass etwas nicht stimmt?
Das war im November 2020, nachdem ich 18 geworden bin. Damals ist auf dem linken Auge ein feiner Nebel aufgetreten. Ich habe dann auch bemerkt, dass ich beim Arbeiten immer näher an die Sachen heranmusste, um sie zu sehen.
Hast du zuerst gedacht, du brauchst einfach eine Brille?
Ja, ich bin gleich zum Augenarzt gegangen. Es hat sich dann aber schnell herausgestellt, dass eine Brille nicht helfen wird.
Kannst du beschreiben, wie du siehst?
um einen bin ich sehr kurzsichtig, und ich kann Pigmente nicht mehr sehen. Es ist etwas schwierig, das zu definieren. Besser sehe ich in der Peripherie des Gesichtsfeldes. In der Mitte habe ich mehrere Flecken, wo der Nebel stärker ist.
Hat sich das verändert?
Am Anfang ist es ungefähr ein halbes Jahr lang stetig schlimmer geworden. Seitdem ist es einigermassen stabil.
Musst du Angst haben, ganz zu erblinden?
Das kann man nicht wirklich voraussagen. Die Krankheit, die ich habe, heisst MELAS-Syndrom. Sie ist sehr selten und vieles ist noch ein Rätsel. Ich bin der erste MELAS-Patient am Inselspital.
Musst du Medikamente nehmen?
Mir wurde nicht viel angeboten. Da weiss man noch zu wenig über die Krankheit. In den USA werden Studien gemacht. Ich bin daher nun auf einer internationalen Liste, falls man irgendwann einmal etwas herausfindet.
Gibt es für dich auch positive Veränderungen seit deiner Sehbehinderung?
Ich habe vieles entdeckt, was mich sehr interessiert, was ich sonst nicht kennen gelernt hätte. In erster Linie die Brailleschrift, aber auch das Sesselflechten. Ich habe mich durch all das verändert – in eine positive Richtung. Ich bin selbst bewusster und mutiger geworden. Ich gehe eher auf Leute zu und bin offener. Davor war ich nicht so kommunikativ und habe mich eher zurückgezogen.
Ich hätte erwartet, dass man sich, wenn man so eine Veränderung mitmacht, eher zurückzieht. Bei dir ist genau das Gegenteil der Fall.
Ja, zum Beispiel ist mir das Leben jetzt mehr wert als vorher. Davor hatte ich nur geringe Chancen, in etwas gut zu sein oder auch bekannt zu werden. Im kleinen Kreis von hauptsächlich Sehbehinderten habe ich vieles gefunden, was mir sehr gefällt.
Du treibst jetzt auch Sport und spielst Showdown beziehungsweise Tischball. Das ist ein rasantes Spiel für blinde und sehbehinderte Menschen. Was ist an diesem Kreis so besonders?
Man hat natürlich ähnliche Probleme. Davor bin ich zum Beispiel nicht in Vereinen und insgesamt nicht besonders gesellig gewesen. In diesem neuen Kreis gehört man irgendwie zusammen. In meiner jetzigen Situation habe ich das Gefühl, dass ich mehr bewirken und mehr Leuten helfen kann.
Und warum konntest du das vorher nicht? Weil es dir nicht so bewusst war?
Ja, zum einen habe ich das weniger gesehen, zum andern braucht man auch die Kontakte dafür. Seit ich sehbehindert bin, hat sich vieles von selbst ergeben. Zum Beispiel bin ich jetzt im SBV (Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband) aktiv. Es war ein Zufall, dass ich dort jemanden kennengelernt habe, der mich in den Sektionsvorstand gebracht hat.
Was ist weiterhin schwierig
ehr schwierig ist die psychische Belastung. Es gibt natürlich viele Sachen, die ich nicht kann. Irgendetwas, das man unbedingt sehen will. Oder auch das Thema Mobilität: Früher war ich flexibler, ich konnte Töff oder Auto fahren. Oder wenn ich abends ausgehen will, dann muss mich entweder jemand fahren oder ich muss laufen – von meinem Wohnort hier ist man zu Fuss nicht so schnell im Dorf …
Glaubst du, einiges wäre leichter, wenn du in der Stadt wohnen würdest?
Es wäre anders. Wenn ich nicht so ein gutes Umfeld hätte, zum Beispiel meine Eltern, könnte ich vieles, was mir guttut, nicht machen. Dafür bin ich sehr dankbar. Und auch, dass ich hier wohnen kann. Das gibt mir sehr viel. Viele haben mich gefragt, warum ich einen derart weiten Weg auf mich genommen habe, als ich in Bern als Sesselflechter tätig war. Andere haben mir nach der TV-Sendung, in der unser Haus zu sehen war, geschrieben, dass sie jetzt verstehen, warum ich das mache.
Wie war es für dich, als du das erste Mal mit dem Langstock durchs Dorf gegangen bist? War dir das unangenehm? Gab es Reaktionen?
Mit dem Langstock bin ich zuerst in Thun unterwegs gewesen. Als ich dann hier im Dorf unterwegs war, haben mich viele Leute, die von meiner Sehbehinderung noch nicht gewusst haben, darauf angesprochen. Sie wollten wissen, was das ist und was überhaupt los sei. Mir ist aufgefallen, dass die Leute mehr gegrüsst haben. Ansonsten gab es keine grossen Reaktionen. Von anderen Sehbehinderten weiss ich aber, dass es bei ihnen anders war. Peinlich ist mir der Langstock nie gewesen. Ich habe ihn von Anfang an gerne gebraucht.
Wie lang hat es gedauert, bis du dich im Alltag zurechtgefunden hast?
Am Anfang habe ich mich ohne Stock orientiert. Das ging gar nicht so schlecht. Vor dem weissen Stock habe ich einen normalen Holzstock benutzt, wenn ich irgendwo war, wo ich mich nicht so gut auskannte. Bis man so ein paar Kniffe herausgefunden hat, geht es halt einen Moment. Aber das meiste habe ich schnell gelernt. Um mit dem Stock richtig umzugehen, habe ich vielleicht einen Monat gebraucht.
Du hast mir gesagt, dass du von der Brailleschrift so fasziniert warst und deswegen überhaupt erst angefangen hast, Bücher zu lesen. Wie lange hast du gebraucht, bis du die Brailleschrift lesen konntest?
Um wirklich flüssig zu lesen, brauche ich schon noch ein wenig Zeit. Wie die Wörter in Vollschrift geschrieben werden, habe ich innerhalb von etwa zwei Jahren gelernt.
Was liest du gerade?
Einen Roman von Frank Schätzing: «Der Schwarm».
Das ist ein Buch mit sehr vielen Seiten. Wie lange bist du da schon dran?
Ich habe zum Bücherlesen nicht immer gleich viel Zeit. Deswegen musste ich meine Ausleihe auch schon verlängern.
Es gibt ja inzwischen sehr viele, auch digitale Hilfsmittel. Warum ist dir das Braillelesen trotzdem so wichtig?
Hörbücher zum Beispiel habe ich parallel gehört, während ich die Brailleschrift gelernt habe. So konnte ich einfachere Wörter gleichzeitig in Braille lesen. Als ich das dann konnte, habe ich fast ganz aufgehört, Hörbücher zu hören. Das ist ein fortlaufendes Training. Ich lerne heute noch dazu; vor allem das Lesen wird immer schneller.
Und was findest du am Lesen in Brailleschrift besser als am Hörbuch hören?
Ich finde es sehr entspannend, mit den Fingern über die Punkte zu gleiten. Und wenn ich so richtig im Fluss bin in der Regel mit geschlossenen Augen – dann stellt sich wie beim Musikhören so etwas «Drehendes» ein. Dann kann ich in der Geschichte versinken. Zudem kann ich, wenn ich ein Wort nicht verstanden habe, zurückgehen und es noch einmal lesen. Wenn ich ein Wort gar nicht kenne, setze ich mit der Büroklammer ein Lesezeichen und schaue am Handy oder im Internet, was das heisst.
Liest du gelegentlich auch auf der Braillezeile?
Ein E-Book habe ich noch nicht auf der Braillezeile gelesen. Das gehört aber zu den Dingen, die ich demnächst ausprobieren will. Im Moment benutze ich die Braillezeile bei Texten, mit denen ich noch etwas machen muss. Wenn ich zu einem bestimmten Punkt springen will, zum Beispiel. Oder wenn ich mich darauf konzentrieren muss, ob sich ein Wort richtig anhört. Die Braillezeile verwende ich eher zum Arbeiten und Anwenden, die Brailleschrift auf Papier vor allem zum Abtauchen.
In deiner ersten Lehre hast du Montage-Elektriker gelernt. Den Beruf musstest du aufgeben. Hast du ein neues berufliches Ziel?
Jetzt ist mein nächstes grösseres Ziel, Lehrer für Brailleschrift zu werden.
Das ist ja super! Und was sind die nächsten Schritte? Wie wird man Braillelehrer?
Das Nächste ist eine Aufnahmeprüfung, die ich bestehen muss. Danach hätte ich über ein Jahr verteilt zwölf Kurstage und am Ende eine Abschlussprüfung. Auch würden mir andere Braillelehrer zeigen, wie ihr Unterricht funktioniert.
Man merkt, dass du ein taktiler Mensch bist. Deine erste Ausbildung, die Zeit als Sesselflechter, das Spielen der Akkordzither: Hast du besonders talentierte Fingerspitzen?
Ja, irgendwie ist das mein Ding. Das Sesselflechten zum Beispiel. Das hat auch gepasst, weil ich antike Sachen mag. Das würde ich auch gerne nebenbei weitermachen, wenn jemand danach fragen würde.
Was hat sich durch die Happy-Day-Sendung verändert? Wirst du auf der Strasse erkannt? Hast du schon Autogramme geben müssen?
Ja, es gab viele Reaktionen und Rückmeldungen von Leuten, die ich kenne, aber auch von Unbekannten. Es haben sich neue Kontakte ergeben. Das Verrückteste war, als mich am Bahnhof jemand gefragt hat, ob er mit mir ein Foto für seine Frau machen könne. Einige Kontakte sind auch für meine Musikkarriere gut. Zum Thema Irland habe ich jetzt Kontakt zu mehreren Leuten, die meine Begeisterung für das Land und die Musik teilen – Dudelsackspieler zum Beispiel. Ich habe inzwischen schon einige Interviews gegeben, auch im Radio.
Du bist seit mehreren Jahren bei der SBS angemeldet. Wusstest du, dass es ausser Braillebüchern auch noch andere Braillemedien gibt?
Ja, das habe ich so nach und nach mitbekommen. Am Anfang war mir das weniger bekannt. Aber inzwischen habe ich auch schon einiges ausprobiert.
Du konzentrierst dich jetzt vermehrt auf deine Musik und könntest also auch Braillenoten ausleihen?
Ja, das ist toll! Auch dass man sich Bücher wünschen kann, finde ich grossartig. Die SBS hat ein super Angebot – die Vielfalt der Bücher, die man ausleihen kann! Ich war am Anfang sehr erstaunt, dass es so eine Bibliothek gibt und dass man da eigentlich mehr oder weniger alles bekommen kann. Aber auch, dass ein Buch manchmal extra gedruckt wird, wenn sich das jemand wünscht.
Herzlichen Dank, Adrian, dass ich ein bisschen in deine Welt eintauchen durfte. Das ist für mich wirklich ein Geschenk.