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Interview mit Prof. Dr. Fabian Winter

Prof. Dr. Fabian Winter

«Braille steht für Selbstbestimmung»

Vor 200 Jahren wurde die Brailleschrift erfunden. Braucht man sie heute noch? Prof. Dr. Fabian Winter von der Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH) erklärt, weshalb Braille auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar bleibt.

Herr Prof. Winter, welche Bedeutung hatte die Einführung der Brailleschrift im 19. Jahrhundert für Menschen mit Sehbeeinträchtigung?

Mit der Gründung der ersten Blindenschule begann auch die Suche nach einer geeigneten Schrift für Menschen mit Blindheit. Zunächst wurden Relief- und Stachelschriften erprobt, die sich stark an der Schwarzschrift (Schrift für Sehende) orientierten, jedoch schwer tastbar waren. Den entscheidenden Durchbruch brachte Louis Braille: Seine Punktschrift liess sich nicht nur viel leichter ertasten, sondern auch selbstständig mit Tafel und Stichel schreiben. Damit wurde erstmals ein vollständiger Zugang zur Schrift möglich. Im 19. Jahrhundert war das der entscheidende Schritt zu Bildung, Teilhabe und Emanzipation blinder Menschen.

Welche Parallelen sehen Sie zwischen der Einführung der Brailleschrift und heutigen inklusiven Bildungsmassnahmen?

Die Einführung der Brailleschrift war von Beginn an von Widerständen begleitet. Ähnlich erleben wir es heute mit der inklusiven Bildung: Auch hier gibt es Vorbehalte, doch die UN-Behindertenrechtskonvention weist klar den Weg. Sie betont ausdrücklich sowohl das Recht auf ein inklusives Bildungssystem als auch den Wert der Brailleschrift, deren Erwerb die Staaten erleichtern sollen. Für mich ist die Brailleschrift deshalb ein unverzichtbarer Bestandteil eines inklusiven Bildungssystems.

Heute gibt es Sprachausgaben und Hörbücher. Ist Braille nicht überflüssig geworden?

Unsere Forschung zeigt das Gegenteil. In der Studie Zukunft der Brailleschrift, welche wir 2015-2018 gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg durchgeführt haben, wurden über 800 Braille-Nutzende befragt. Die grosse Mehrheit ist überzeugt, dass Braille auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar bleibt. Wichtig ist: Es geht nicht um ein Entweder-oder. Die meisten kombinieren Braillezeile mit Sprachausgaben und nutzen auch Hörbücher. Gerade diese Mischung eröffnet die grössten Möglichkeiten.

Welche Rolle spielt Braille im digitalen Alltag – beispielsweise mit Braillezeilen oder taktilen Displays?

Die Digitalisierung hat die Nutzung der Brailleschrift enorm erweitert. Noch nie war Braille so einfach und flexibel verfügbar wie heute. Dank Braillezeilen ist Schrift nicht mehr nur auf Papier zugänglich, sondern in Echtzeit auch elektronisch. Das erleichtert den Zugang zu Informationen erheblich und bietet zugleich viele neue Möglichkeiten. Texte können geschrieben, korrigiert und bearbeitet werden und das oft sogar ohne zusätzlichen Computer. Moderne Geräte lassen sich zudem problemlos mit Smartphone oder Tablet verbinden. So ist Braille heute ein zentraler Bestandteil des digitalen Alltags.

Welche Bedeutung hat Braille für die Selbstständigkeit und Identitätsbildung blinder Menschen?

Die Brailleschrift ist weit mehr als ein Schriftsystem. Sie steht seit jeher für Selbstbestimmung und Emanzipation. Als einziges taktiles Schriftsystem eröffnet sie den Zugang zu Bildung und zur schriftlichen Kommunikation. Die Möglichkeit, eigene Gedanken zu verschriftlichen, Literatur selbstständig zu lesen und sich darüber mit anderen auszutauschen, wirkt identitätsstiftend. Für Menschen, die im Laufe ihres Lebens erblinden, kann Braille zudem eine besondere Empowerment-Funktion haben: Sie ermöglicht, den Zugang zur Schriftkultur zu bewahren und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass Kinder mit Sehbeeinträchtigung Braille frühzeitig erlernen?

In der Forschung zur Brailleschrift besteht ein klarer Konsens: Wer Braille früh erlernt, entwickelt später mit höherer Wahrscheinlichkeit gute Lese- und Schreibkompetenzen. Dabei beginnt der Erwerb schon lange vor der eigentlichen Buchstabeneinführung. Entscheidend sind frühe Tastübungen, Erfahrungen mit taktilen Bilderbüchern und eine systematische Tastschulung. Diese braucht Zeit sowie fachliche Begleitung, etwa durch spezialisierte heilpädagogische Früherziehung. Deshalb ist es wichtig, so früh wie möglich zu beginnen.

Welche Unterschiede gibt es zwischen dem Lesen mit den Fingern und dem Hören von Sprache für die Entwicklung von Sprachkompetenz, Rechtschreibung und Bildungschancen?

Viele sprachliche Strukturen werden erst durch die Schrift greifbar. Lesen und Schreiben sind eng miteinander verknüpft, weil unsere Rechtschreibung auf alphabetischen, silbischen und morphematischen Strategien beruht, die sich nur durch eine aktive Auseinandersetzung mit Schriftsprache erschliessen. Zwar ist das Hören von Informationen meist schneller als das taktile Lesen, doch für den Kompetenzaufbau reicht es nicht aus. Wer komplexe Texte erfassen, selbst schreiben, vorlesen, Fremdsprachen lernen oder Computerprogramme nutzen möchte, wird auch in Zukunft auf die Brailleschrift angewiesen sein. Ergänzend ist es jedoch ebenso wichtig, Kompetenzen im Umgang mit auditiven Hilfsmitteln und Sprachausgabe aufzubauen. Erst wer beides beherrscht, hat die Freiheit zu entscheiden: Wann setze ich besser auf das Hören, und wann auf das Lesen? Beides ist wichtig.

«Während Schrift für sehende Kinder allgegenwärtig ist, benötigen Kinder mit Blindheit eine gezielte Heranführung und vor allem den Zugang zu Büchern.»

Ist die Brailleschrift für Erstleser schwieriger zu erlernen als Schwarzschrift? Wo liegen Unterschiede?

Grundsätzlich gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede: Braille und Schwarzschrift folgen denselben sprachlichen Prinzipien. Die Brailleschrift ist daher nicht schwerer zu erlernen. Herausfordernd ist vielmehr, dass Kinder mit Blindheit im Alltag weit weniger selbstverständliche Begegnungen mit Schrift haben. Während Schrift für sehende Kinder allgegenwärtig ist, benötigen Kinder mit Blindheit eine gezielte Heranführung und vor allem den Zugang zu Büchern. Unterschiede zeigen sich vor allem im Schreiben sowie darin, dass Braille-Lernende in der Regel mehrere Braille-Schriftsysteme lernen, z.B. Basisschrift, Vollschrift, Kurzschrift, Computerbraille und Spezialschriften für Musik oder Mathematik. Erschwerend kommt hinzu, dass der Zugang zu Literatur in Braille begrenzter ist.

Alex und Lilani

Wo liegen die grössten Herausforderungen des inklusiven Unterrichts?

Inklusion beginnt im Kopf. Darin liegt auch schon die erste Herausforderung. Wir brauchen ein gemeinsames inklusives Grundverständnis. Andernfalls funktioniert gemeinsamer Unterricht nicht. Ebenso wichtig sind Materialien, die gemeinsames Lernen über die Grenzen eines Schriftsystems hinweg ermöglichen. Ein gelungenes Beispiel ist das Lehrmittel Alex und Lilani, das Kinder auf spielerische Art und Weise an die Schrift heranführt und dabei auch die Brailleschrift berücksichtigt. Solche Materialien sollten flächendeckend in Kindergärten und Schulen verfügbar sein. Sie eröffnen echtes gemeinsames Lernen und können zugleich andere Autorinnen und Autoren dazu anregen, ihre Werke inklusiver zu gestalten.

«Das Lesen ist Ausdruck unserer Freiheit.»

Wie sehen Sie die Zukunft der Brailleschrift in einer zunehmend digitalisierten Welt?

Dank Access-Technologien wie der Braillezeile hat die Brailleschrift den Sprung ins digitale Zeitalter erfolgreich gemeistert. Dadurch haben sich auch die Lesegewohnheiten verändert: Heute wird mehr denn je auf der Braillezeile gelesen. Gleichzeitig sehen wir, dass sich auch bei Sehenden das Lesen zunehmend auf elektronische Geräte verlagert. Unabhängig vom Schriftsystem bleibt jedoch entscheidend: Lesen ist und bleibt im Informationszeitalter wichtig. Unsere Forschung wie auch die Stimmen der Braille-Nutzenden zeigen eindeutig: Die Brailleschrift ist lebendig, zukunftsfähig und wird auch in einer digitalen Welt dringend gebraucht.

Was wünschen Sie sich von Politik, Bildungseinrichtungen und Gesellschaft, damit Braille auch in den nächsten 200 Jahren relevant bleibt?

Ich wünsche mir eine grössere Selbstverständlichkeit im Umgang mit Informationen in Brailleschrift. Es sollte klar sein, dass jedes Kind mit Blindheit das Recht auf einen freudvollen, spannenden Schriftspracherwerb in Braille hat. Dafür braucht es qualifizierte und engagierte Lehrpersonen. Weiterbildungsprogramme wie der neue CAS Brailleschrift unterrichten an der HfH sind ein wichtiger Schritt. Zugleich sollte Brailleschrift im öffentlichen Raum präsenter sein: auf Produkten, im öffentlichen Verkehr und in Einrichtungen. Wichtig ist auch, dass Menschen jeden Alters die Möglichkeit haben, die Brailleschrift zu erlernen. Vor allem aber muss die Brailleschrift als das anerkannt werden, was sie ist: ein unverzichtbarer Bestandteil einer inklusiven Gesellschaft. So bleibt sie auch in 200 Jahren relevant.

Und was wünschen Sie der SBS?

Die SBS hat sich in über 120 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt und ist stets mit der Zeit gegangen. Neben dem Zugang zu Braille-Büchern und Grossdruck leistet sie wertvolle Arbeit bei der Übertragung von Lehrmitteln. Auch künftig wird es neben dem Ausbau digitaler Angebote wichtig bleiben, dass klassische Braille-Bücher, Ausdrucke und taktile Medien hergestellt werden. Die SBS wird deshalb weiterhin als Zentrum für barrierefreies Lesen gebraucht. Ich wünsche mir, dass sie ein Ort der Lesefreude, der Teilhabe und der inklusiven Bildung bleibt.

Herzlichen Dank!