Interview mit Thomas Zwerina
«Im Schreiben erschliesse ich mir die Welt»
Thomas Zwerina erzählt in seinem bewegenden Buch ‘Eine Fingerkuppe Freiheit’ die Lebensgeschichte Louis Brailles. Ein Gespräch mit dem blinden Autor über Sprache und Musik, über Inklusion und Empathie – und über Himbeerbonbons.
Herr Zwerina, was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?
Viele Menschen haben von Brailles Sechs-Punkte-Schrift schon einmal gehört. Nur wenige wissen, dass Louis Braille den Erfolg seiner Schrift nie erfahren hat. Noch weniger Menschen wissen, dass Braille heftiger Widerstand von sehenden Blindenpädagogen für seine Schrift entgegenschlug, einer Schrift, die die Reliefschrift ablösen sollte. Ich wollte seiner Person ein poetisches Denkmal setzen, darüber hinaus ein Werk schreiben, das sich sprachlich gesehen jener Zeit annähert und dadurch die Historizität herstellt.
Wie sind Sie eigentlich zum Schreiben gekommen – und was stachelt Sie an, Geschichten zu erzählen?
Ich glaube, ich habe immer schon geschrieben und fabuliert, was sicherlich mit meiner Liebe für Sprache und Literatur zusammenhängt. Ich spiele gerne mit den Worten auf meinem Schreibtisch, ich male, ich jongliere, ich gehe über dünnes Eis oder übers Hochseil beim Schreiben. Ein gewisses Kitzeln im Bauch und in der Seele lässt sich da nicht von der Hand weisen. Wenn ich so in mich hineinschaue, ist da aber auch noch etwas anderes. Im Schreiben erschliesse ich mir ein Stück weit die Welt, aber auch mein Selbst, mein eigenes Ich, wer ich bin, woher ich komme und was ich fühle. Das Schreiben ist das Himbeerbonbon in meinem Leben - Es macht mich glücklich. Bitte schenken Sie mir jetzt keine Himbeerbonbons!
«Das Lesen ist Ausdruck unserer Freiheit.»
A propos Bonbons; wie geniessen Sie als blinder Mensch Bücher? Und welche Rolle spielen sie in Ihrem Leben?
Bücher haben mich mein ganzes Leben lang begleitet. In meiner Kindheit hatte ich allerdings immer zu wenig Lesestoff. Da konnte ich noch sehen. Zuhause war das Lesen – ja man kann schon sagen – ‘verpönt’, ein unnützes Ding ohne Nährwert, da von geistiger Natur. Mein Studium der Literatur- und Sprachwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Giessen hat mich mit einer Fülle an Werken bekanntgemacht. Übrigens auch mit der Hilfe der SBS und anderer Hör- und Punktschriftbüchereien. Zumeist waren es Hörbücher, heute sind es auch digitale Textdateien, insbesondere wenn es um zeitgenössische Literatur geht, die ich beruflich für meine Moderationen durchzuarbeiten habe. Hin und wieder lasse ich mir gerne von meiner Partnerin vorlesen, was ich sehr geniesse, ein wirklicher Luxus, den sich aber auch sehende Leserinnen und Leser gerne gefallen lassen, so meine Beobachtung.
Gab es ein Buch, das Sie in Ihrem Leben besonders geprägt hat?
Wenn ich meiner spontanen Erinnerung folge, so waren dies zwei Punktschriftbücher in englischer Kurzschrift. Ich werde sie nie vergessen. Es waren mitunter die ersten Punktschriftbücher, die ich mit meiner Fingerkuppe gelesen habe. Zum einen war dies ‘Animal Farm’ von George Orwell, zum anderen ‘Lord of the Flies’ von William Golding, beides Werke, die mir in der Schule begegnet sind. Ich habe sie verehrt. Sie haben mich damals aufgrund ihres kritischen Gesellschaftsansatzes zutiefst berührt. Beide Bücher sind aktueller denn je, wie ich finde. Es sind Bücher von existenziellem Wert.
Schreiben Sie anders als Menschen ohne Sehbeeinträchtigung?
Dies ist eine Frage, die mir häufig in Interviews begegnet. ‘Eine Fingerkuppe Freiheit’ betont die synästhetische Komponente, also das Verschmelzen von Sinneseindrücken. Gleichwohl wohnt dem Werk eine gewisse Musikalität inne. Sprachklang hat mich immer interessiert, auch Rhythmus, allein schon aus dem Umstand heraus, dass ich Musiker bin und komponiere. Die Musik der Cellular Fools (https://www.the-cellular-fools.de) ist nur ein Beispiel dessen. Braille war blind, hatte wie ich eine Affinität für Sprache und Musik. Er spielte mehrere Instrumente. Insofern ist es naheliegend gewesen, einen Roman zu schreiben, der all den verschiedenen Sinnesbereichen Rechnung trägt, um den blinden Protagonisten in seiner Tiefe auszuleuchten. Ich selbst lebe in einer synästhetischen Blase, vermutlich ein Stück weit über die Blindheit induziert. Aber darüber sollen sich Literaturwissenschaftler Gedanken machen, nicht wahr.
«Lesen und Schreiben ist ein universelles Kulturgut, das wir Menschen pflegen sollten.»
Wie erleben Sie es, wenn Menschen ohne Sehbeeinträchtigung Ihren Roman lesen? Gibt es Reaktionen, die Sie besonders berührt haben?
Das ist schon ein Signal, wenn plötzlich schriftlich etwas ins Haus fliegt und man davon liest, wie intensiv sich jemand mit dem Werk beschäftigt hat, sich geradezu hineinziehen hat lassen. Manche Menschen fragen mich zu einzelnen Stellen, zu einzelnen Wörtern oder Sätzen, die sie gedanklich lange beschäftigt haben. Andere sagen mir, dass sie das Buch nun schon das zweite Mal gelesen haben, weil sie die Sprache so schön finden. Anlässlich meiner Lesungen schätze ich den persönlichen Kontakt mit meinem Publikum, das persönliche Gespräch beim Signieren zum Beispiel, das Interesse von Menschen für die Poesie, für die leisen Zwischentöne in der Sprache.
Was bedeutet für Sie der barrierefreie Zugang zu Literatur – persönlich, aber auch gesellschaftlich?
Unser Geist verlangt nach Nahrung. Im Lesen werden wir Mensch, so möchte ich sagen. Lesen und Schreiben ist ein universelles Kulturgut, das wir Menschen teilen und pflegen sollten. Ein barrierefreier Zugang zur Literatur und darüber hinaus zu allem Geschriebenen ist meines Erachtens die Voraussetzung für Bildung und Wissen, also ein Beitrag zur Gleichberechtigung und zur Teilhabe an Gesellschaft. Wir dürfen nie vergessen, dass das Lesen Ausdruck unserer Freiheit ist. Ich habe mich oft ‘unfrei’ in meinem Leben gefühlt, weil ich nicht das lesen konnte, was ich wollte, ein Umstand, der mich bis heute begleitet. Mit Sorge sehe ich die Welt, in der das Lesen von autokratischen Systemen als Gefahr angesehen wird. Ebenso erschüttert es mich, dass viele Menschen auf diesem Planeten aufgrund ihrer Lebensverhältnisse erst gar nicht die Chance zum Lesen bekommen, also von Bildung und Wissen ausgeschlossen sind.
Welche Bedeutung haben Organisationen wie unsere Blindenbibliothek für Sie als Autor und auch als Leser?
Die SBS liefert wie viele andere Organisationen dieser Art einen zentralen Beitrag für ihre Leserinnen und Leser. Ich sehe in diesem Bereich viele engagierte Menschen, die über Jahre etwas aufgebaut haben, das nicht zu unterschätzen ist – eine Lesekultur. Genau dies ist so wichtig, wenn es z. B. um Empathie geht. Lesen fördert genau diese Fähigkeit, indem wir uns in andere Individuen, Gesellschaften und Kulturen hineinversetzen. Zudem fördert eine Institution wie die SBS durch ihr Handeln den gesellschaftlichen Diskurs.
Was möchten Sie den Menschen mitteilen, die mit Spenden, Freiwilligenarbeit oder anderen Engagements ermöglichen, dass Literatur für alle zugänglich wird?
Ich möchte – und ich glaube das kann ich stellvertretend für viele sagen – mich nachdrücklich bei all jenen Menschen für ihr individuelles Engagement bedanken, egal ob sie im Vordergrund oder im Hintergrund wirken. Sie alle stellen sich durch ihr aktives Handeln ins Licht für eine wunderbare Sache. Herzlichen Dank dafür!
Herr Zwerina, herzlichen Dank für das Gespräch!